#Sonntagsgedanken Der Mensch wird am Du zum Ich

Am Freitag gönnte ich mir einen freien Tag und besuchte die Ausstellung von Sabine Hertig in Thun. Sie gestaltet einzigartige Collagen und erschafft aus unendlich vielen Schnipseln neue, monumentale Welten.

Ich stand vor einem dieser Bilder, fasziniert und angezogen von seiner Kraft. Ich trat näher, ging wieder zurück, schaute das Werk aus immer neuen Distanzen an – und jedes Mal sah ich etwas anderes.

Wie im Leben?

Wer uns kennenlernt, sieht zuerst das grosse Bild: unsere Rolle, unser Äusseres, wie wir reden, unsere Gestik. Kommen wir uns näher, entdecken wir, was uns zu diesem Bild gemacht hat: Geschichten, Erfahrungen, Prägungen, verborgene Stärken. Und auch Ecken, Kanten sowie mancher Fehltritt sind unverzichtbare Teile des Gesamtbildes.

Kennenlernen ist wie ein Bild erkunden.

Aus der Distanz sehe ich nur das Äussere. Unerklärt und manchmal plakativ. Aus der Nähe erkenne ich oft nur Zerrissenes, Teile und Ränder.

Darum brauchen Beziehungen den Blick ins Detail, um das Einzelne zu erkennen, und den Blick aus der Distanz, um zu sehen, wie alles zusammengehört.

Ohne die kleinen Schnipsel gibt es kein grosses Bild.

Das gilt auch für den Blick auf mein eigenes Leben:

Ich sehe Schnipsel, die ich nicht selbst gelegt habe: Menschen und Begegnungen, die mich geprägt haben, Erlebtes, das ich nie geplant habe. Ich entdecke Fragmente, die aus der Nähe schief wirken und die ich deshalb lieber weglassen würde. Aber: Im ganzen Bild gehören auch sie dazu.

Dafür bin ich dankbar.

Ja, wir arbeiten alle am Bild unseres Gegenübers mit. Jede Begegnung legt ein kleines Stück hinzu. Im Grossen wirkend, im Kleinen entdeckbar – so entsteht Persönlichkeit: fragmentiert und vielschichtig.

Und vor allem wertvoll!

Deshalb sind mir Beziehungen wichtig und liebe ich den Austausch mit Menschen. Denn: Der Mensch wird am Du zum Ich! (Martin Buber, jüdischer Philosoph, 1878 – 1965)