Dank-, Buss- und Bettag
Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag wurde 1832 zum staatlich angeordneten Feiertag erklärt. Der Regierungsrat Basel-Landschaft verfasst jedes Jahr mit dem Bettagsmandat eine Botschaft an die Landeskirchen des Kantons.
Das Ja zum Hier und Jetzt: Wann haben Sie das letzte Mal wirklich gespürt, wie gut es Ihnen geht? Beim Aufwachen. Beim Zusammensitzen mit Freunden. Beim Blick aus dem Fenster. Dankbar für das Leben – bedingungslos, trotz des Wissens, dass die Umstände, die persönlichen wie die globalen, auch schwierig sein können.
Diese Dankbarkeit ist nicht eine Antwort auf das, was wir haben, besitzen oder kontrollieren, sondern der Ausdruck unerschütterlicher Souveränität: nicht der Blick auf das, was nicht ist oder sein könnte, sondern das persönliche Ja zum Hier und Jetzt, mit all seinen Einschränkungen, Unvollkommenheiten und offenen Fragen. Nicht kapitulierend vor der Realität, nicht den Schmerz und die Not vergessend – sondern sich, trotz allem Unerfüllten, trotz Sorgen und Ängsten, dafür zu entscheiden, zu entdecken, was das Leben an Segen und Schönheit bereithält. Diese Dankbarkeit macht demütig. Sie lässt uns erkennen, was ist, darüber staunen, und annehmen, was das Leben wirklich ist: ein Geschenk. Und Dankbarkeit lässt uns nicht bei uns selbst stehen. Sie bringt uns in Bewegung, lässt uns weitergeben, das Leben teilen.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Bibel Dankbarkeit nicht als Gefühl beschreibt, das sich einfach einstellt, sondern als Haltung, zu der wir uns entscheiden können – in jeder Lage: „Seid dankbar in allen Dingen.“ (1. Thessalonicher 5,18)
Dankbarkeit: in allen Dingen – nicht nur dann, wenn uns danach ist.
Die Kraft des Widerspruchs: Wann haben Sie das letzte Mal jemandem wirklich widersprochen? Nicht im Small Talk, nicht bei etwas, das ohnehin niemanden kümmert – sondern dort, wo es wehtun konnte. Wir leben zunehmend in einer Gesellschaft, die den Diskurs und den Widerspruch kaum mehr aushält. Wir ziehen uns zurück, dorthin, wo alle gleich denken. Andersartigkeit wird schubladisiert, stigmatisiert – und mit ihr das ausgeschaltet, was Entwicklung überhaupt erst möglich macht: die Dissonanz.
Dabei hat nicht verloren, wer eine Differenz oder einen Streit hat. Verloren hat, wer den Widerspruch nicht mehr zulässt, den Streit nicht mehr aushält. Denn aus Vielfalt, Diskurs und Widerspruch kann Grosses entstehen – wenn wir es zulassen. Was es dazu braucht? Wertschätzung, Respekt, man könnte auch sagen Nächstenliebe – und die Bereitschaft, Busse zu tun und zu vergeben.
Wer das Gespräch mit Andersdenkenden sucht, den Dialog führt und die Kontroverse aushält, riskiert dabei auch, eine Grenze zu überschreiten. Wertschätzung, Respekt und Nächstenliebe lassen uns erkennen, wenn das geschieht – und bringen uns dazu, um Vergebung zu bitten und zu vergeben, wenn wir selbst verletzt wurden. Nächstenliebe und die Bereitschaft zur Busse und Vergebung ermöglichen es, für die eigenen Überzeugungen mutig einzustehen. Sie lassen Diskurs und Widerspruch zu und sind damit die Grundlage gesunder gesellschaftlicher Entwicklung.
Genau das macht Vergebung zur Voraussetzung für Diskurs, nicht zu seinem Gegenteil: „Vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat.“ (Epheser 4,32)
Vergebung und Versöhnung: einer dem andern – nicht nur, wenn es leichtfällt.
Das Gespräch mit dem, der grösser ist als wir: Wann haben Sie das letzte Mal gespürt, dass Sie an eine Grenze stossen, erkannt, dass etwas grösser ist als das, was Sie mit eigener Kraft, eigenem Willen, eigenem Können bewältigen können? Es ist vermutlich kein Zufall, dass der Dank-, Buss- und Bettag auch in vergangenen Zeiten dann an Bedeutung gewann, wenn Not das Leben der Menschen in der Schweiz bestimmte. Ist das heute anders? Wir sehen Krieg und Vertreibung, Hunger, Erdbeben auf dieser Welt, erleben Dürre, Trockenheit, Wassermangel auch bei uns. Wenn die Welt, wie wir sie kennen, ins Wanken gerät, wird uns bewusst, dass die Möglichkeiten des Menschen begrenzt sind.
Diese Begrenztheit zeigt sich nicht nur im Grossen. Sie begegnet uns im Persönlichen. Im Wissen, dass wir uns von einem geliebten Menschen verabschieden müssen, im Erleben, dass wir nichts tun können, als da zu sein. Sie begegnet uns im Warten auf ein Ergebnis, das wir nicht beeinflussen können, in Ereignissen, die uns den Boden unter den Füssen wegzunehmen drohen. Diese Momente sind es, in denen wir erkennen, dass wir eben doch nicht alles selbst in der Hand haben.
Gebet ist die Einladung zum Gespräch mit Gott. Nicht als formales Ritual, sondern ganz persönlich. Mit unseren eigenen alltäglichen Worten – und im Schweigen. In Momenten der Dankbarkeit und Freude, aber auch in Zeiten der Angst und Sorge. „Sorgt euch um nichts, sondern lasst in allen Dingen eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden.“ (Philipper 4,6)
Gebet als Moment, in welchem Dankbarkeit und Sorge in einem Atemzug ausgesprochen werden dürfen. Nicht nur heute, jeden Tag.
Eine Einladung: Wann haben Sie sich das letzte Mal zu etwas eingeladen gefühlt, ohne dass es Sie etwas gekostet hätte? Der Dank-, Buss- und Bettag ist eine solche Einladung: innezuhalten, Dankbarkeit zu entdecken, uns dem Widerspruch und unserer eigenen Begrenzung zu stellen – und im Gespräch mit dem, der grösser ist als wir, neue Kraft zu schöpfen.
Nehmen wir sie an?
Im Namen des Regierungsrats
Thomi Jourdan Elisabeth Heer Dietrich,
Regierungspräsident Landschreiberin
