Letzte Woche durfte ich die Festrede für die Abschlussfeier «Landwirtinnen und Landwirte EFZ» halten. Hier ein paar Auszüge davon:
«Liebe Absolventinnen, liebe Absolventen
Was für ein grosser Tag. Ich freue mich sehr, dass ich heute hier sein und mit Ihnen gemeinsam feiern darf.
Vor ein paar Wochen hatte ich ein Gespräch, das mich nicht mehr losgelassen hat. Ich traf einen jungen Mann, der letztes Jahr seinen Abschluss als Landwirt EFZ gemacht hat. Er erzählte mir von der Saatgutproduktion, von der Funktionsweise des Mähdreschers, von den Tieren auf seinem Betrieb, von Bodenqualität, Fruchtfolgen und hundert anderen Dingen. So ruhig. So präzise. So unspektakulär. So beeindruckend.
Ich habe einfach nur zugehört. Und irgendwann habe ich mich gefragt: Was wusste ich eigentlich mit 19? Ja, ich bin auch in die Schule gegangen, habe meine Ausbildung gemacht. Ich hatte meine Interessen, meine Kenntnisse, meinen Horizont. Aber wenn ich ehrlich bin: Es war viel Theorie, ein Wissen, das wenig zu tun hatte mit dieser unmittelbaren Lebensrealität, die Ihren Beruf ausmacht. Ich bin überzeugt: Auch Sie können mir heute erklären, wie die Vermehrung von Weizensaatgut – die Grundlage für unser tägliches Brot – funktioniert. Wie man ein Tier versorgt, das krank ist. Was im Boden passiert, wenn man ihn falsch behandelt – und was er zurückgibt, wenn man ihm Sorge trägt. Das ist kein Wissen für die Theoriemüllhalde. Das ist Wissen, das zählt.
Darum lassen Sie mich als Erstes festhalten: Das, was Sie können, was Sie wissen, was Sie gelernt haben – das ist aussergewöhnlich. Und zwar im eigentlichen Sinn des Wortes. Ausserhalb des Gewöhnlichen, ausserhalb der Norm. Sie sind beeindruckend, grossartig, einzigartig.
Trotzdem: All dieses Wissen ist nur die eine Seite Ihres Berufs. Denn die Landwirtschaft lehrt noch etwas anderes: (…) Wissen und Kontrolle sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Sie können alles richtig machen. Zur richtigen Zeit säen, zur richtigen Zeit düngen, das Vieh perfekt pflegen, jeden maschinelle Handgriff beherrschen. Trotzdem kommt der Hagel, bleibt der Regen aus, stirbt das Tier, passiert etwas, das kein Lehrbuch und kein Erfahrungsschatz vorhergesehen hat. Das kann existenziell sein. Aber: (…) Es ist Ausdruck von etwas, das Ihren Beruf ausmacht: Er passiert in der Abhängigkeit zur Natur. Und so gehört zu Ihrem Beruf auch «Das Unkontrollierbare annehmen», das Wissen, dass ich alles geben muss – und das Ergebnis trotzdem nicht allein in meinen Händen liegt. Ja, bei Ihnen gilt wortwörtlich: «Der Mensch denkt, die Natur lenkt».
Bei diesen Gedanken fällt mir das Wort Demut ein. (…) Wir leben in einer Welt, die alles berechnen, prognostizieren und kontrollieren will. Eine Welt, die sich Technologien mit dem Versprechen schafft, dass alles beherrschbar sei. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – verliert diese Welt zunehmend die Ordnung, gerät vieles aus den Fugen. Und ich frage mich: Liegt das auch daran, dass uns jene Demut fehlt, die so selbstverständlich ein Teil Ihres Berufs ist? Das Wissen, dass ich mein Bestes geben kann und soll – und dabei nie vergessen darf, dass es Kräfte gibt, die grösser sind als ich?
Ich halte das Wissen um die Wichtigkeit des eigenen Schaffens und gleichzeitig das Akzeptieren der eigenen Grenzen und des eigenen Einflusses für eine der wertvollsten Haltungen, die ein Mensch haben kann. Und ich glaube, Ihnen ist diese Haltung, diese Demut tief in die berufliche Seele geschrieben.
Zum Schluss: Vergessen Sie nie: Das, was Sie heute sind, sind Sie auch, weil Menschen für Sie da gewesen sind und immer für Sie da sein werden. Bewahren Sie dies in Ihrem Herzen, bleiben Sie demütig und dankbar für all die Menschen, die sie begleiten, unterstützen, korrigieren, bestärken, ermutigen.
Sie haben Grossartiges geschafft. Gleichzeitig wissen Sie, dass Ihnen auch in Zukunft manche Herausforderung begegnen wird. Und nein, es gibt kein Patentrezept für Erfolg. Aber ich glaube, es gibt «zwei Düngemittel des Lebens», die ich Ihnen von Herzen empfehlen kann:
- Dankbarkeit: das Wissen, dass alles was wir sind und werden, nur möglich ist, weil andere Menschen und unterstützen und mit uns unterwegs sind.
- Demut: Das Wissen, dass all unser Engagement wichtig ist, aber letztlich der Erfolg nie von uns alleine abhängt, nicht in unseren Händen liegt.»
Herzliche Gratulation zu Ihrer bestandenen Lehre und von Herzen, von tiefstem Herzen alles Gute!“
