Dieses Jahr durfte ich die 1. Augustrede in Tenniken halten. Danke für das schöne Fest, die vielen schönen Begegnungen und spannenden Gespräche!



Liebe Tennikerinnen und Tenniker, liebe Gäste von nah und fern.
Schön, dass Sie alle hier sind. Es ist mir eine grosse Freude und Ehre, heute Abend bei Ihnen und mit Ihnen unseren Nationalfeiertag feiern zu dürfen.
Vor Kurzem hat unser Gärtner bei uns zu Hause fünf neue Bäume gepflanzt. Äpfel, Birnen, Zwetschgen.
Fünf Mal ein kleiner, dünner Stamm, fünf Mal ein Hoffen auf Wachstum, fünf Mal ein Versprechen für die Zukunft – fünf Mal etwas, das ich selbst vermutlich nie in voller Grösse werde sehen können. Denn bis so ein Baum wirklich gross und stark ist, bis er Schatten spendet, vergehen viele Jahre.
Anders gesagt: Man pflanzt Bäume nicht für sich selbst. Bäume pflanzt man für die Kinder und Grosskinder.
Wenn ich über dieses Bild vom Pflanzen nachdenke, dann sehe ich darin ein paar Parallelen zu unserer Gesellschaft. Ist es nicht so, dass das, was unser Land heute ausmacht, unsere Schweiz, dass das, was wir unser Zuhause nennen, das Ergebnis – man könnte auch sagen die Frucht – der Arbeit ist, die unsere Vorfahren geleistet haben?
Ja, unsere heutige Gesellschaft, aber auch der Wohlstand, in dem wir leben, ist nicht – und ich glaube, das ist wichtig, dass wir uns das auch immer wieder bewusst machen – ist nicht in erster Linie das Ergebnis unseres eigenen Schaffens, sondern die Ernte dessen, wofür sich unsere Eltern und Grosseltern engagiert haben. Unser Sozialstaat, unser Bildungssystem, die starke Wirtschaft, unser Wohlstand: Unsere Vorfahren haben die Grundlagen dafür gepflanzt – im Wissen, dass die Frucht davon erst ihre Kinder und Grosskinder ernten würden.
Denn Gesellschaft zu gestalten ist wie Bäume zu pflanzen: Man tut es für die kommenden Generationen.
Lassen Sie uns deshalb bewusst machen, dass wir es sind, die die Schweiz von morgen gestalten. Sie und ich. Heute und jetzt. Mit dem, wie wir handeln und wie wir uns für die Gemeinschaft engagieren.
Ja, wir prägen, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Wir gestalten den Wertekompass unseres Zusammenlebens, wir prägen das, was unser Miteinander ausmacht. Wir definieren, was Begriffe wie Verantwortung füreinander oder Hilfsbereitschaft in Zukunft noch für eine Bedeutung haben.
Und das braucht Arbeit. Meine, Ihre. Die von uns allen.
Denn jeder gute Gärtner, jeder Landwirt, jede Bäuerin weiss: Ein Feld, das einmal bestellt wurde, bringt nicht von sich aus jedes Jahr wieder Frucht. Nein. Ein Feld muss immer wieder neu bearbeitet werden.
Und genau so braucht es uns – Sie und mich – und unser Engagement, damit der gesellschaftliche Acker immer wieder von Neuem bestellt wird und die kommenden Generationen unsere Gesellschaft als einen Ort erleben, an dem sie gerne zu Hause sind.



Umgekehrt gilt aber auch: Wer glaubt, dass Werte und Haltungen, Gemeinsinn und Zusammenhalt, Gesellschaft und Demokratie, Erfolg und Wohlstand für ewig gesichert sind, der gleicht jenem Narren, der darauf hofft, dass ein Feld über Jahre hinaus Frucht bringt, nur weil vor langer Zeit einmal jemand etwas darauf gesät hat.
Liebe Gäste. Ich möchte mit Ihnen über drei Begriffe nachdenken, für die wir, wie ich glaube, Verantwortung übernehmen müssen, damit das Feld unserer Gesellschaft auch in Zukunft fruchtbar bleibt.
Der erste Begriff: Dankbarkeit.
Wann, meine Damen und Herren, wann sind Sie zum letzten Mal aufgewacht, oder haben Sie gemütlich mit Ihren Freunden zusammengesessen und dabei Dankbarkeit gespürt? Dankbarkeit, dass es Ihnen so gut geht, dass wir an diesem einzigartigen Flecken dieser Welt leben dürfen. Und damit auch Dankbarkeit gegenüber jenen, die vor uns das Land aufgebaut und geprägt haben.
Dankbarkeit ist für mich der Gegenentwurf zu jener Selbstverständlichkeit, die uns oft durchs Leben begleitet. Eine Selbstverständlichkeit, die so tut, als hätte ich das Entscheidende dazu beigetragen, dass ich an diesem schönen Ort leben darf und es mir so gut geht. Aber so ist es eben nicht.
Deshalb: Wer dankbar ist, fängt nicht mit dem Klagen über das an, was nicht ist, startet nicht mit einer Forderung und sieht auch nicht zuerst das halbleere Glas. Dankbarkeit macht demütig, bringt uns dazu, anzuerkennen und zu staunen, was andere geschaffen haben. Dankbarkeit freut sich über das, was ist, und sieht das halbvolle Glas.
Und es liegt grosse Kraft in der Dankbarkeit. Auch für schwierige Zeiten. Bei uns zu Hause gibt es die Formel: «Danken schützt vor Wanken». Wer dankbar ist, wird in schwierigen Zeiten aus dieser Haltung Kraft gewinnen.
Und das ist übrigens nicht nur eine schöngeistige Aussage eines Politikers. Das bestätigt die kluge Literatur. Denn Dankbarkeit kurbelt – so habe ich gelesen – die Produktion von Dopamin und Serotonin an, also von Hormonen, die im Volksmund auch als «Glückshormone» bezeichnet werden. Dopamin ist für unsere Motivation zuständig, Serotonin ein Stimmungsaufheller, der uns das Gefühl der Gelassenheit und Zufriedenheit gibt. Kurz: Dankbare Menschen sind motivierte, zufriedene Menschen – Menschen, denen es leichter fällt, sich für andere zu engagieren.
Und genau deshalb glaube ich: Eine dankbare Gemeinschaft ist auch eine erfolgreiche Gesellschaft. Heute und in Zukunft.
Der zweite Begriff ist: Vergebung.
Ich weiss, das ist ein grosses Wort für einen 1. August. Aber ich glaube, es passt bestens zum heutigen Tag.
Wissen Sie, in Schillers «Wilhelm Tell» schwören die drei Talschaften auf dem Rütli: «Wir wollen sein ein einzig Volk.» Ein einzig Volk – nicht, weil man dieselbe Sprache, immer dieselbe Meinung oder dieselbe Konfession oder Religion teilt. Sondern weil man den Willen hat, trotz aller Unterschiede zusammenzuhalten, in der Überzeugung, dass gute Lösungen nur durch Aushandeln entstehen, durch Diskussion und Diskurs, durch Widerspruch und manchmal auch Streit.
Hätten die Gründerväter 1848 gewollt, dass in der Schweiz alles zentral gesteuert wird – ohne Vielfalt –, hätten sie einen Zentralstaat gegründet und den Kantonen alle Macht entzogen. Aber das haben sie genau nicht gewollt. Deshalb steht in unserer Verfassung auch: «Die Kantone sind souverän.» Und deshalb gründet unser Land auf einem starken Föderalismus, der Unterschiede zulässt und sich trotzdem als etwas Gemeinsames versteht. Und ich bin überzeugt davon, dass der Schweizer Baum genau deshalb so stark und robust ist, weil er über viele Jahrzehnte manch einen innenpolitischen Sturm mit vielen Meinungsunterschieden überstehen musste – und genau das ihn stark gemacht hat.
Und heute? Sowohl schweizweit als auch im Baselbiet erleben wir gerade eine Dynamik der Zentralisierung. Der Bund gewinnt gegenüber den Kantonen an Kompetenzen, der Kanton gegenüber den Gemeinden. Die Politik wünscht sich bei immer mehr Themen einheitliche, flächendeckende Lösungen. Man könnte auch sagen Eintönigkeit. Klar gibt es Themen, bei denen es richtig und nötig ist, Antworten zu finden, die für alle gleich sind. Gleichzeitig bin ich persönlich davon überzeugt, dass dort, wo Vielfalt reduziert wird und der Raum für Differenzierung, das heisst für Unterschiedlichkeit, kleiner wird, auch der Diskurs als Grundlage des Erfolgs verkümmert.
Und ja, meine Damen und Herren: Ist es nicht so, dass wir diesen Drang zum Einheitlichen, zum Widerspruchslosen, auch im Kleinen, im Privaten, immer mehr erleben? Zum Beispiel, indem wir uns im persönlichen Leben immer mehr in die eigene Bubble zurückziehen, das heisst immer mehr nur noch mit jenen Menschen zu tun haben, die derselben Meinung sind wie wir.
Auch in der Politik scheint es so zu sein, dass wir auf der einen Seite immer stärkere und lautere Pole haben, gleichzeitig aber die Bereitschaft, über den Gartenzaun zu schauen und zu versuchen, das Gegenüber trotz ganz anderer Meinung zu verstehen, immer kleiner wird.
Ja, wir leben insgesamt immer mehr in einer Gesellschaft, die den Diskurs und den Widerspruch kaum mehr aushält, sondern das Gegenüber mit seiner anderen Meinung viel lieber in eine Schublade steckt und stigmatisiert.
Ich glaube nicht, dass eine Gesellschaft vorwärtskommt, wenn die Auseinandersetzung abgeschafft wird. Denn verloren hat nicht, wer eine Differenz oder einen Streit hat. Verloren hat, wer den Widerspruch nicht mehr zulässt, den Streit nicht mehr aushält. Wir sollen eben gerade nicht ein einzig Volk sein im Sinne von Gleichförmigkeit und Eintönigkeit – sondern im gemeinsamen Willen, zusammen etwas zu schaffen, im Glauben daran, dass aus der Vielfalt und aus widersprüchlichen Ideen etwas Grosses entstehen kann.
Was es dazu braucht, ist eine Gesellschaft, die es zulässt, dass alle ihre eigene Meinung äussern können und den Mut haben, Auseinandersetzungen zuzulassen. Eine Gesellschaft, die auf der Basis von Wertschätzung und Respekt – man könnte auch sagen Nächstenliebe – den Diskurs als zentralen Baustein einer erfolgreichen Zukunft sieht.
Und ja, was es dafür braucht, ist die Bereitschaft, vergeben zu können. Denn ohne das Wissen, dass Vergebung möglich ist, werde ich nie bereit sein, für meine Ideen und Gedanken einzustehen. Eine Kultur aber, in der Verzeihen und Vergeben möglich sind, lässt Diskurs ohne Ausgrenzung zu. Denn wer bereit ist zu vergeben, kann nach einem Streit wieder aufeinander zugehen, statt sich aus dem Weg zu gehen.
Und ja – als kleiner Funfact mit Blick auf den 1. August als Geburtstag unseres Landes: Genau das haben unsere Vorfahren gewollt: Kantone, die sich kurz zuvor noch die Köpfe eingeschlagen hatten, gründeten 1848 trotzdem gemeinsam einen Bundesstaat, der dank dem Föderalismus die Auseinandersetzung geradezu suchte – und ich bin sicher, dafür hat es auch im Jahr 1848, nach den Kriegswirren, die Bereitschaft gebraucht, zu verzeihen und zu vergeben.
Lassen Sie uns in diesem Sinne von der Schweizer Gründungsgeschichte 1848 etwas lernen: Diskurs dank Vielfalt und Widerspruch. Gemeinsamer Erfolg dank Kompromiss- und Vergebungsbereitschaft.


Zum Schluss, als dritter Begriff: Neuanfang.
Wer dankbar ist für das, was ist, und wer bereit ist zu vergeben, der kann auch wieder neu anfangen.
Das ist die Grundlage der Schweizer Erfolgsgeschichte, das ist die Geschichte unserer fünf neuen Bäume, von denen ich Ihnen am Anfang erzählt habe: Ich weiss nicht, ob alle fünf Bäume gross und stark werden. Ich bin mir bewusst, dass einer vielleicht eingeht, dass ein Sturm vielleicht etwas kaputt macht.
Und trotzdem haben wir Bäume gepflanzt – für unsere Kinder und Grosskinder: weil Hoffnung und Zuversicht stärker sind als die Angst vor einem Sturm, weil die Dankbarkeit über das eigene Glück so gross ist, dass ich mich dafür einsetzen möchte, dass unser Land auch für die kommenden Generationen ein lebenswerter Ort ist, für den man dankbar sein kann. Und weil ich daran glauben will, dass mit einer Kultur der Vergebung auch leidenschaftliche Debatten möglich sind, die unsere Gesellschaft weiterbringen.
Meine Damen und Herren: Dankbarkeit, Vergebung, Neuanfang. Drei grosse Begriffe, aber am Schluss geht es um eines: um die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Stück Garten zu übernehmen – im Wissen, dass wir die Ernte davon vielleicht selbst nie ganz erleben werden –, aber in der Zuversicht, dass sich unser Engagement trotzdem lohnt. Für unsere Kinder und Grosskinder.
Liebe Tennikerinnen und Tenniker, liebe Gäste von nah und fern.
Ich habe Ihnen heute ein Säckchen mit drei Blumenkugeln mitgebracht. Ich freue mich, wenn Sie nachher ein solches mit nach Hause nehmen und die Blumenkugeln irgendwo einpflanzen. Vielleicht denken Sie dabei an etwas, für das Sie dankbar sind.
Und wenn Sie später mit Wasser und Geduld auf die wachsenden Pflanzen warten, dann erinnern Sie sich vielleicht daran, dass wir heute den Wohlstand geniessen, den unsere Vorfahren erschaffen haben. Und entscheiden Sie sich heute dafür, sich dafür zu engagieren, dass unsere Familien, Gemeinschaften und unsere Gesellschaft auch in Zukunft ein Ort sind, an dem unsere Kinder und Grosskinder ein Leben in Freude, Frieden und Dankbarkeit führen dürfen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen schönen Abend – und hoffentlich ein paar Gespräche mit Widerspruch und spannenden Debatten!
