Leben leben.

Heute ist Pfingstonntag. Für den Jahresbericht 2025 des Kirchenrats der reformierten Kirche durfte ich einen Text beisteuern.

„Das Leben ist mehr als blosse Existenz – es ist Geschenk und Auftrag zugleich. Geschenk, weil wir es in seiner Fülle und mit all seinen Möglichkeiten empfangen. Auftrag, weil wir berufen sind, unsere Kräfte und Begabungen für andere einzusetzen und unsere Gesellschaft mitzugestalten.

Darin zeigt sich unser Wesen: Der Mensch ist auf Beziehung hin geschaffen – aufeinander angewiesen und dazu bestimmt, nicht nur für sich selbst zu leben. Unser Dasein gewinnt dort Sinn, wo das Gegenüber für uns Bedeutung erhält, wo wir Verantwortung übernehmen und uns einsetzen für das, was grösser ist als das eigene Ich. Die Geschichte Josefs (1. Mose 41) ist für mich ein eindrückliches Beispiel dafür. Ein Fremder in Ã„gypten, berufen vom Pharao, Verantwortung für ein ganzes Volk zu tragen. Sein Ansehen entspringt  keinem Erbe, seine Weisheit keiner Macht und keiner Bildung. Sein Leben ist geprägt vom Vertrauen auf Gott – einem Vertrauen, das ihm den Blick für das Wesentliche schenkt und den Mut zu handeln. Nicht Ehrgeiz, sondern Demut, nicht Eigeninteresse, sondern Hingabe machten ihn zum Segen.

Die Herausforderungen unserer Zeit sind gross und damit auch die Frage, wie wir unser «Leben leben». Unsere Welt kennt Fortschritt und Wohlstand und doch auch Unsicherheit, Angst, Einsamkeit sowie den stillen Hunger nach Hoffnung und Zuversicht. Umso mehr braucht es Menschen und Orte, die aus dem Vertrauen auf Gott ihre Berufung erkennen, Hoffnung weitergeben und entschlossen handeln. Und ja: Die Kirche ist ein solcher Ort. Ich bin überzeugt: Aus der Beziehung zu Gott wächst die Fähigkeit wahrzunehmen, was der Nächste braucht, Mitgefühl zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen – im Kleinen wie im Grossen, persönlich wie gesellschaftlich. Kirche lebt dort, wo Glaube Gestalt annimmt: in einem offenen Ohr, einem ermutigenden Wort, im konkreten Dienen. Wer so lebt, macht Gottes Gegenwart 
erfahrbar, bezeugt sein Wirken und trägt seine Liebe in die Welt – wie Josef, der darauf vertraute, dass Gottes Segen durch sein Tun sichtbar wird.

«Leben leben» heisst für mich, mit Vertrauen, Mut und Hingabe unterwegs zu sein – für andere, für unsere Gemeinschaft, für diese Welt.“

© 2026 Thomi Jourdan