Mit 26 bis 33 Jahren habe ich als Streetworker und in der Entwicklung von Projekten der Jugendarbeit bei der Stiftung Jugendsozialwerk gearbeitet. Letzten Freitag wurde ich zum 15-Jährigen Jubiläum des Jugendcafés Gelterkinden eingeladen. Einem Angebot, für dessen Aufbau ich meinen Beitrag leisten durfte. (Danke Daniel Jenni (www.fotosmile.ch) für die tollen Bilder).
Liebe Gäste
Bevor ich beginne, ein Geständnis. Die Rede, die ich Ihnen jetzt halte, ist nicht neu. Ich habe sie bereits ein Mal gehalten. Nämlich im Jahr 2004. Damals war ich 30 Jahre alt, Streetworker – kurz darauf durfte ich das Jugendkonzept Gelterkinden schreiben und nachfolgend beim Aufbau der Grundlagen für das Jugendcafé Gelterkinden mithelfen. Heute, 22 Jahre später bin ich als Regierungspräsident hier und halte im Kern noch einmal die gleiche Rede. Gekürzt – aber unverändert in der Substanz.
Ich mache das nicht aus Nostalgie. Ich mache es, weil sich in diesen 22 Jahren gezeigt hat, dass die Thesen von damals so falsch nicht sind. Und weil dieses Café ein grossartiger Beweis dafür ist.
Lassen Sie mich mit einem Bild beginnen, das ich damals gebraucht habe und das mir bis heute nachgeht. Denken Sie an den Mistkübel in Ihrer Küche. Er steht an bester Lage – mitten unter dem Spültrog – meist in einem eigenen Schrank, in einem Sack, in einer Kiste mit Deckel. Kein Gegenstand in unserem Haushalt wird so aufwendig versorgt und versteckt wie der Abfall. Oder haben sie einen Gegenstand, den sie derart sicher vor fremden Einblicken lagern: In einem Kasten, in einer schwarzen Kiste, mit einem Deckel, in einem schwarzen Sack? Warum dieser Aufwand? Nun, zum einen weil es nicht wirklich eine Variante wäre, diesen Abfall in einem Sack auf dem Sofa zu lagern. Hinzu kommt, dass auch ein transparenter Sack für uns vielfach wohl peinlich wäre, da es unter Umständen nicht zum Wünschbaren gehört, dem Nachbarn und der Öffentlichkeit preiszugeben, was da in der Familie Jourdan so alles an Abfall anfällt…



Ich finde, das ist ein ziemlich stimmiges Bild dafür, wie wir mit unseren eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten umgehen, oder? Wir versorgen sie, verstecken sie, hüten sie wie ein Geheimnis. Als Erwachsene genau so, wie im Jugendalter. Und warum? Weil wir Angst haben vor der Fremdbewertung. Weil wir Angst davor haben, was andere über uns denken.
Als Kind ist das noch anders, die Welt oft noch in Ordnung. Mit dem Teenageralter kommt dann aber die Fremdbewertung dazu: Schulnoten, der Freundeskreis, die Position gegenüber den Eltern. All das fordert die Entwicklung des eigenen Seins, des Selbstbewusstseins und des Umgangs damit, dass uns nicht alle immer liebenswert und wunderbar finden. Ja, das kennen wir auch als Erwachsene – und wir haben hoffentlich gelernt, damit umzugehen. Aber im Jugendalter treffen uns diese Fremdbewertungen zum ersten Mal mit voller Wucht – und es fehlen noch die Bewältigungsstrategien dafür.
Zwei Beispiele:
Ich erinnere mich an einen jungen Mann, dem ich als Streetworker begegnet bin. Hohe Schulden, aber gleichzeitig eine auffällige Grosszügigkeit gegenüber anderen Jugendlichen, ein Hang zu teuren Marken. Auf den ersten Blick: ein Widerspruch. Auf den zweiten Blick: die Geschichte eines jungen Menschen, der noch keine eigene Antwort darauf gefunden hatte, dass nicht automatisch alle seine Freunde sein wollen – und der versuchte, sich diese Anerkennung mit Geld zu erkaufen, weil er kein anderes Mittel dafür kannte.



Ich denke an ein Mädchen, das immer dann, wenn sie unter Druck steht, Angst kriegt oder andersweitig Verunsicherung erlebte, mit Ritzen und Schneiden reagierte. Tiefe Narben in ihren Armen und anderswo deuteten darauf hin, dass für sie das Leben eine sehr anstrengende Angelegenheit sein muss. Ihre Bewältigungsstrategie für den Umgang mit schwierigen Themen im eigenen Leben bestand darin, sich selbst Schmerzen zuzufügen und dadurch wieder zu spüren, dass sie noch lebt und ursächlich ist.
Das waren keine Einzelfälle – das waren und sind Beispiele fehlender Bewältigungsstrategie. Und genau dort setzt gute Jugendarbeit an: nicht beim Unverständnis oder der Wertung gegenüber dem Verhalten junger Menschen, sondern bei der Frage, wer mit diesen jungen Menschen auf dem Lebensweg mitgeht – nicht zwingend das Verhalten unterstützend, aber immer den jungen Menschen wertschätzend.
Wir Eltern – und das sage heute als ich als Vater von vier Kindern von 14 bis 26 Jahren – lieben unsere Kinder. Trotzdem ist es so, dass unser Verhalten nicht immer hilfreich ist, damit unsere Kinder lernen, mit dieser Fremdbewertung umzugehen. Lassen Sie mich dies an einer These erläutern, die ebenfalls Teil meiner Rede vor 22 Jahren war: Der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl stellte schon damals fest: Die Eltern-Kind-Beziehung folgt einem archetypischen Muster. Ein Archetypus ist ein universelles Urbild in Bezug auf Gedanken, Gefühlen und Handlungen und sie sind tief im unbewussten Gedächtnis aller Menschen verankert. Das heisst, wenn ich Sie fragen würde, für was Eltern stehen, dann würden Sie mir vermutlich Begriffe wie Beständigkeit und Schutz nennen, und wenn ich Ihnen die gleiche Frage für Kinder stellen würde, dann kämen sicher Begriffe wie Neugier, Wagemut, Veränderung.
Und ja, wir können davon ausgehen, dass eine archetypische Wahrnehmung in der Beziehung zwischen Kindern und Eltern wirkt – und sich daraus das ergibt, ja ergeben muss, was wir «Pubertät ist, wenn Eltern schwierig werden» nennen. Weil: Die archetypische Rolle verlangt, dass Eltern gegenüber ihren Kindern Werte und Ideen vertreten, die out sind und der Vergangenheit angehören: Wenn der Vater nicht mehr besorgt am Verhalten der Tochter rummeckert, die Mutter gar nicht mehr die Ideen des Sohnes kritisiert, nehmen Eltern eine wichtige Funktion in der Entwicklung einer eigenen Identität der Kinder nicht mehr wahr.
Denn ja: Kinder brauchen und suchen in ihrer Entwicklung einen Gegenpol – suchen die Wand, an der sie sich abstossen können, um eine eigene Identität aufzubauen. Allan Guggenbühl kommt zum Schluss, dass wenn wir Eltern mit den Kindern nur den Konsens suchen, jede Massnahme mit ihnen absprechen wollen, wir den Jugendlichen die Möglichkeit versagen, wirklich gegen etwas zu sein. Als Folge davon kann das gut gemeinte Vorgehen dazu führen, dass die Kinder so lange die Grenze suchen und ausweiten, bis die ersehnte Gegenreaktion in Form von Widerstand erfolgt. Damit wird auch klar: «Nicht so sein wollen wie die Eltern» ist nicht ein altes Klischee, sondern eine wichtige Entwicklungsphase im Leben der jungen Menschen. Und damit wird auch klar, dass wenn die Reibungsfläche zu Hause oder in der Schule fehlt, sich junge Menschen Ersatz suchen. Manchmal einen gesunden. Manchmal einen, der sie selbst oder andere schädigt.



Ja, liebe Eltern: Wenn wir nicht diesen Gegenpol liefern, dann verwehren wir unseren Kindern ein zentrales Element fürs Erwachsenwerden!
Und genau da kommt auch dieses Jugendcafé ins Spiel: Ein Ort, an dem jemand nachfragt, wenn es einem nicht gut geht. An dem Grenzen gesetzt werden, aber auch Vertrauen geschenkt wird. An dem junge Menschen ernst genommen werden – und sie, ohne es zu merken, oft genau dort herausgefordert werden, wo es nötig ist. Ich habe damals, 2004, einen Satz gesagt, der mir heute noch genauso wichtig ist: Wir brauchen eine Pflästerlipolitik. Das klingt zunächst wie ein Vorwurf – „ihr klebt doch nur Pflaster auf die Wunden, statt die Ursachen zu bekämpfen“. Aber ich meinte es als Kompliment an die Prävention. Denn: Warum klebe ich meinem Sohn nach einem Sturz ein Pflaster auf die Wunde? Um Schlimmeres zu verhindern und die Heilung zu ermöglichen. Ein Pflaster ist der Anfang der Gesundung, nicht deren Verweigerung.
Dieses Café ist seit 15 Jahren ein solches Pflaster. Nicht das einzige Mittel, nicht die Lösung für alles – aber ein Ort, der vielleicht auch etwas verhindern kann, ohne dass wir je erfahren werden, wie viel genau. Das ist das Wesen von guter Prävention: Ihr Erfolg zeigt sich als das, was nicht passiert ist.
Das ist aber eben auch ihre Schwierigkeit. Weil das, was nicht passiert ist, erkennt man erst weit in der Zukunft. Den politischen Entscheid, heute in Prävention zu investieren, braucht es aber heute! Und damit stellt sich die Frage, ob sich das finanziell lohnt.
Ich war schon damals Ökonom. Und als Ökonom hat man gelernt, dass eine Investition etwas ist, für das man heute Geld ausgibt, dessen Ertrag erst in der Zukunft anfallen wird. Was in der Wirtschaft als Logik unbestritten ist, wird bei der Prävention oft vergessen – dabei gilt hier die Rechnung: Prävention kostet heute, aber sie verhindert Kosten, die in wenigen, aber dann eben sehr teuren Einzelfällen um ein Vielfaches höher wären. Ein einziger Heimaufenthalt, ein TimeOut in der Schule, eine einzige gescheiterte Berufsintegration kostet weit mehr, als ganze Jahre Präventionsarbeit gekostet hätten. Der Grund, warum Prävention politisch trotzdem so schwer zu verkaufen ist: Die verhinderten Kosten sind nie sichtbar. Niemand feiert einen Fall, der nie eingetreten ist. Gelterkinden – und viele andere Gemeinden – haben damals genau diese Sichtweise entdeckt und in den Nullerjahren die Offene Jugendarbeit als wichtigen Pfeiler der Prävention aufgebaut: Sissach, Liestal, das Fünflibertal, Bubendorf, Lupsingen – und eben Gelterkinden.
Ja, Jugendarbeit ist eine Investition in die Zukunft. Und das sage ich nicht nur als jemand, der eine These vertritt. Ich spreche auch aus eigener Erfahrung. Ich war selbst, in meinen jungen Jahren, Punk. Ich habe eine Zeit lang ein sehr intensives, auch selbstschädigendes Leben geführt. Dass daraus nicht etwas ganz anderes wurde, verdanke ich Menschen, die sich in mich investiert haben: Lehrer, Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter, ein Pfarrer. Menschen, die mich nicht einfach gefördert, sondern die mich herausgefordert und hinterfragt haben. Die mir genau jenen Widerstand geboten haben, von dem ich eben gesprochen habe – jene Reibungsfläche, an der ich mich abstossen konnte, um selbst herauszufinden, wer ich sein will. Aus dem Punk wurde ein Regierungsrat. Weil Menschen mich unterstützt, begleitet, mir Widerstand geleistet und auch an mich geglaubt haben, wenn meine Lebensgeschichte auf krummen Linien geschrieben wurde. Weil Menschen daran geglaubt haben, dass sich die Investition in einen jungen Menschen lohnt.
Das ist es, was dieses Café seit 15 Jahren tut. Es investiert in junge Menschen, deren Wert sich manchmal erst in zwanzig, dreissig Jahren zeigt. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen: Es lohnt sich.
Als ich 2004 diese Rede zum ersten Mal hielt, als ich nachfolgend das Jugendkonzept verfassen und den Aufbau des Jugendcafés unterstützen durfte, war nicht klar, ob daraus eine Erfolgsgeschichte wird. 22 Jahre später darf ich mit Ihnen dieses Jubiläum feiern. Das ist selten im Leben – dass man eine Idee, die man mit 30 aufzubauen helfen durfte, mit über 50 noch immer im Alltag von jungen Menschen wirken sieht.
Deshalb: Danke an alle, die dieses Café über 15 Jahre getragen haben – die Mitarbeitenden, die Trägerschaft, die Gemeinde, und vor allem die jungen Menschen selbst, die diesen Ort zu dem gemacht haben, was er ist. Sie haben eine Idee von 2004 zum Leben erweckt und am Leben gehalten. Herzlichen Glückwunsch zu 15 Jahren Jugendcafé Gelterkinden – und vor allem von ganzem Herzen: Vielen Dank für Ihr grosses Engagement! Sie bewirken Grossartiges damit!



